oder wie man ein Wüstenschiff zum Turnierpferd umfunktioniert

Vor zwei Jahren ließ ich mich in den hohen Norden locken und auf dem Rückweg führte ich einen 280SL Bj. 1984 aus der Fremde wieder in sein Herstellungsland zurück. Der Vorbesitzer gab mir nur die Information mit: „Mit dem Wüstenschiff fährt meine Frau nicht mehr“. Dass man kein Auto ungesehen kaufen darf, weis jeder, nur ich habe mich darüber hinweg gesetzt und habe mir dadurch einige Arbeit eingekauft. Jetzt weis ich, warum seine Frau damit nicht mehr gefahren ist.

Schrauben kann auch eine Leidenschaft sein. Auf der Retro Classic 2011 bin ich dem 107er Club beigetreten. Wie sich jetzt herausstellte, war das eine kluge und nachhaltig richtige Entscheidung. Mittlerweile habe ich liebe, nette und hilfsbereite 107er Freunde kennen gelernt. Das nordische Wüstenschiff fuhr mit mir, nicht ich mit ihm. Nach einigen Nachfragen bei Clubfreunden war klar, die Gummilagerung der Vorderachse ist bestimmt längst überfällig.

Frohen Mutes und guter Dinge orderte ich die Teile in einer Sternapotheke – ja, Apotheke! Jemand hatte mir gesagt, dass zum Ausbau der Gummilager der Motor abgefangen werden muss. Kein Problem, mein Dachgebälk ist stabil genug, um 300 kg tragen zu können, aber die Demontage der Motorhaube, alleine – keine Chance! So schweißte ich ein Montageportal zusammen, das seine Aufgaben dann auch voll erfüllte.

  Bekanntlich trägt den Motor nicht die Karosse, sondern er ruht direkt auf der Vorderachse. Was hält ihn, wenn diese fehlt?Wie immer, begann ich an der falschen Seite. Auf der Beifahrerseite waren die alten Lagergummis, die schon seit 10 Jahren vergebens nach Ablösung gerufen hatten, schnell durch die Neuen ausgetauscht. Die Töpfe im Lenkschemel sahen noch manierlich aus. Dieser Arbeitsschritt war relativ simpel und ging flott. So jetzt noch die Fahrerseite und bis zum Abend ist mein Auto fertig – Pustekuchen!Nach dem Ausbau der Lagergummis war schnell klar, der Vorderachsträger ist Schrott! Die sagen mehr als hundert Worte. Jetzt ist guter Rat teuer, denn es gibt nur das Teil A 107 330 0942 zum Preis von deutlich über € 1000. Da das für die Modellgepflegten ist, passen dann die vorhandenen Anbauteile noch alle?Man kann über das Internet schimpfen, aber hatte man Glück, dann lobt man die positivem Eigenschaften und kauft den zufällig angebotenen Lenkschemel für € 350. Auch prompt geliefert, angeblich sandgestrahlt, lackiert, ohne Durchrostungen. Ohne Durchrostungen hat gestimmt, alles andere war Bauernblende. Also strahlte ich alles nochmals gründlich ab, dann verteilte meine Spritzpistole ca. 120µm Grundierung und ca. 80µm Decklack.Wenn der Motor am Montageportal hängt, kann man ihm seine Ruhebank, die Vorderachse, wegnehmen. Dafür habe ich die Lenkhebel, Bremsschläuche und Bremssättel abgebaut. Zum Ausbau der Achse behalf ich mich mit 2 Spindelwagenhebern, 2 Hydraulikstempeln und einem Rangierwagenheber Schließlich lag die komplette Vorderachse am Boden und das vollständige Zerlegen in alle Einzelteile konnte beginnen. Zum Ausbau der Federn baute ich mir einen Federspanner aus einer M 20 Gewindestange, einer 10 mm starken Kopfplatte auf der ich eine M 20 Mutter aufschweißte. Als Fußplatte benutzte ich eine schwere U-Scheibe mit 3 Keilscheiben, nach der Zerlegung der Vorderachse musste ich erst die Kiesgrube aus den Dreieckslenkern entfernen.Alle Achsschenkel waren abzubauen und alle acht Querlenkerlager herauszupressen. Die vier Querlenker die Federn, die Achsschenkel wurden sorgfältig sandgestrahlt, grundiert und lackiert. Natürlich habe ich auch die beiden Spiralfedern gestrahlt und lackiert.Das Ganze bekam jetzt eine Zukunft. Der Zusammenbau konnte beginnen, nachdem alle acht Silence Buchsen in die Querlenker eingepresst waren. Dabei gab es eigentlich keine Probleme, nur dass mir ein paar Arme, Finger etc. gefehlt haben (man sollte eine Hydra sein, wenn man das solo macht). Übrigens, zwei neue Stoßdämpfer gönnte ich ihm auch. Die Spurvermessung ließ ich auf einer Vermessungsbühne bei Reifen Fuchs in Aglasterhausen durchführen.

Nach so viel Zuwendung sollte sich das gute Stück durch gute Spurtreue erkenntlich zeigen. Die Enttäuschung war riesengroß. Nach wie vor ein schlingerndes Wüstenschiff. Am Lenkrad kaum weniger toter Gang als früher. Jetzt noch ein neues Lenkgetriebe oder teure Reparatur?

Wozu hat man Clubfreunde? Der RT Leiter meinte, unbedingt zuerst das Lenkspiel einstellen und lieferte nicht nur die Hinweise auf einen Tipp in der letzten 107 Klassik, sondern bat auch gleich Klaus Eßer um die dazugehörige Werkstattliteratur. Am späten Abend angefragt, hatte ich am nächsten Morgen mehr als 40 Seiten Text und Bildchen zum Thema auf dem PC. Obwohl zweckmäßigerweise Einer von der Grube aus den Schlüssel ansetzen und ein Zweiter von oben schrauben sollte, gelang mir auch das ganz alleine. Die Zugängigkeit zur Einstellschraube ist so verbaut, dass man eigentlich zusätzliche Gelenke in den Armen und den Fingern haben müsste. Aber es geht.

Jetzt läuft das einstmals nordische Wüstenschiff wie auf Schienen und ist zum kurpfälzischen Turnierpferd mutiert. Klar, das in der Fremde lieblos zum Wüstenschiff verwahrloste Gefährt habe ich in der Heimat seines Urahns wieder gesund gepflegt.

Diese ganze Generalsanierung der Vorderachse hat mich genau € 2048,51 gekostet.

Und am folgenden Sonntag genoss ich zusammen mit unseren Clubfreunden eine Ausfahrt von fast 200 Kilometer im Hessischen und Kurpfälzer Odenwald mit hoher Lenkpräzision und Spurtreue.

Fritz Kramer